Nach Jahrzehnten wirtschaftlicher Instabilität wagt Argentinien unter Präsident Javier Milei den radikalen Kurswechsel. Eine neue CESifo-Studie von Marius Kleinheyer und Gunther Schnabl (Akademischer Beirat des Liberalen Instiuts) analysiert die Reformagenda – mit aufschlussreichen Ergebnissen.
Von einem der reichsten Länder zur Dauerkrise
Noch um 1910 zählt Argentinien zu den reichsten Nationen der Welt – das Pro-Kopf-Einkommen liegt nahe dem der USA. Heute ist das Land geprägt von Inflation, Rezession und Staatsversagen. Ursache: ein über Jahrzehnte verfestigtes Entwicklungsmodell, das auf Importsubstitution, hohe Staatsausgaben, finanzielle Repression und protektionistische Abschottung setzt. Besonders seit den 1950er Jahren versuchte man, Industrialisierung über staatliche Eingriffe zu erzwingen – auf Kosten von Wettbewerb, Produktivität und Geldwertstabilität.
Mileis wirtschaftspolitisches Fundament
Javier Milei, Ökonom mit Wurzeln in der Österreichischen Schule, steht für eine marktwirtschaftliche Zeitenwende: Weniger Staat, mehr Markt. Inspiriert von Hayek, Mises, Rothbard und Eucken verfolgt er ein Programm, das individuelle Freiheit, Preisstabilität und unternehmerische Eigenverantwortung ins Zentrum rückt. Symbolisch trägt er die Motorsäge – ein radikaler Schnitt durch das Dickicht der Bürokratie.
Haushaltsdisziplin als Basis
Kernstück der Stabilisierungspolitik ist die Rückkehr zu soliden Staatsfinanzen. Milei entschied sich bewusst gegen Steuererhöhungen und für massive Ausgabenkürzungen: Die Zahl der Ministerien wurde halbiert, 40.000 Stellen im öffentlichen Dienst abgebaut. Subventionen für Energie und Verkehr sowie Mittel für öffentliche Bauprojekte wurden gestrichen. Überweisungen an die Provinzen eingefroren.
Ergebnis: Nach einem Defizit von fast 9 % des BIP im Jahr 2020 erzielt Argentinien 2024 erstmals seit 15 Jahren einen Haushaltsüberschuss – 1,6 Mrd. US-Dollar. Das entspricht einem Primärüberschuss von rund 3 % des BIP. Das Staatsdefizit war über Jahre die Hauptquelle für Inflation – über Kreditvergabe staatlicher Banken an den Staat wurde die Geldmenge stetig ausgeweitet. Mit dem Rückgang der Ausgaben sank auch das Inflationsniveau: von 290 % im April 2024 auf 84,5 % im Januar 2025.
Zentralbank entlastet, Geldpolitik stabilisiert
Die Bilanz der Zentralbank war hochgradig fragil: Sie hielt Staatsanleihen in Höhe von über 110 Mrd. US-Dollar, hatte Schulden in Form von LELIQs mit Zinsen von bis zu 133 % und kaum Devisenreserven. Innerhalb eines Jahres wurde die Anleihenposition auf 68 Mrd. US-Dollar reduziert, die LELIQ-Schulden auf unter 10 Mrd. US-Dollar. Gleichzeitig wurde versteckte Verschuldung offen gelegt und in reguläre Anleihen überführt. Die Glaubwürdigkeit der Zentralbank steigt spürbar, die Geldbasis wird gestrafft, der Peso stabilisiert.
Liberalisierung: Märkte öffnen sich
Mileis Deregulierungsagenda ist umfassend. Mit dem „Ley Bases“ und dem neuen Ministerium für Deregulierung wurden über 350 Gesetze und Vorschriften überarbeitet. Preis- und Mietkontrollen wurden aufgehoben – mit bemerkenswerten Effekten: In Buenos Aires sank die Miete nach anfänglichem Anstieg auf das Niveau von 2022, nachdem über 200.000 leerstehende Wohnungen neu angeboten wurden. Staatsunternehmen wie Aerolineas Argentinas oder ENARSA wurden zur Privatisierung freigegeben. Das Arbeitsrecht flexibilisiert, das Streikrecht neu eingehegt.
Auch im Bankensektor beginnt der Wandel: Der Staatsriese Banco Nación wurde in eine Aktiengesellschaft umgewandelt – ein Signal für künftige Privatisierung. Die Inflationsbekämpfung ermöglicht erstmals seit Jahren reale, inflationsbereinigte Zinsen.
Abschied vom Protektionismus
Die Regierung senkt Importzölle, schafft Export- und Kapitalverkehrskontrollen ab und vereinheitlicht den Wechselkurs. Der Wechselkurs des Peso wurde im Dezember 2023 drastisch abgewertet und folgt seither einem monatlichen Crawling Peg – zunächst 2 %, ab Februar 2025 1 %. Das bedeutet trotz nominaler Abwertung eine reale Aufwertung bei sinkender Inflation. Der Parallelmarkt schrumpft, internationale Transaktionen werden erleichtert.
Der Aussenhandel profitiert: Exporte steigen, auch dank Abbau von Exportsteuern auf Agrarprodukte und Rohstoffe. Das Handelsbilanzdefizit schrumpft. Mit dem Investitionsgesetz RIGI schafft Argentinien klare Rahmenbedingungen für Grossinvestitionen ab 200 Mio. US-Dollar – mit Steuerstabilität über 30 Jahre.
Erst die Armut – dann folgt der Aufschwung
Kritiker beklagten eine zunächst steigende Armutsrate infolge der Schocktherapie. Doch der „J-Curve“-Effekt setzt ein: Nach einem Schrumpfen des BIP um -2,5 % im Jahr 2023 erwartet der IWF +3,5 % Wachstum 2024 und +5,0 % in 2025. Die Armut sinkt unter das Niveau vor Mileis Amtsantritt.
Fazit: Eine Agenda mit Signalwirkung
Mileis Reformen zeigen: Marktwirtschaftliche Grundsätze können auch in einem tief verkrusteten Umfeld neue Dynamik entfalten – wenn sie konsequent umgesetzt werden. Seine Bilanz nach einem Jahr: Haushaltskonsolidierung, sinkende Inflation, steigende Investitionen. Der Erfolg bleibt fragil – doch er inspiriert Debatten über marktwirtschaftliche Erneuerung weit über Argentinien hinaus.